Belogen

Der erste Versuch eines One-Shot. Es sei dahin gestellt, ob es mir gelungen ist. Ich persönlich finde es nicht allzu schlecht und finde die Idee, auch wenn sie nicht sehr originell ist, den Leser keine klaren Umrisse zu geben (Warum dieser Raum? Was war zuvor? Was kommt danach?...) immer wieder fantastisch.

Du schaust mich an. Ich kann dir nicht in die Augen sehen.
Es irritiert mich. Deine grünen Augen. Sie funkeln im Licht der Lampe, die über uns hängt. Wir sitzen alleine in der kleinen Garderobe. Zwischen uns nur ein Tisch.
"Red' mit mir", hast du gesagt.
Ich blicke regungslos auf meine Hände, die auf meinen Beinen liegen. Du willst wissen was mit mir los ist. Ich kann es dir nicht sagen. So erwartungsvoll wie du mich ansiehst. Ich kann es einfach nicht und es macht mich wahnsinnig deinen starren Blick auf mir zu spüren. Ich kann nicht mal aufstehen, weil ich weiß, dass ich dir dann in die Augen blicken müsste. Liebe hänge ich in meinen Gedanken fest.
Wir stehen, Hand in Hand, auf der Bühne. Lächelnd verneigen wir uns vor der tobenden Masse. Jubelschreie und das unwirkliche Geräusche tausender, klatschender Menschen erfüllt die Halle. Es herrscht eine unglaubliche Hitze. Tausende Augenpaare beobachten uns. Mädchen fallen in Ohnmacht. Und ich spüre nur deine Hand in meiner. Ich weigere mich die Menschen um uns herum wahrzunehmen. Ich verdränge ihre Stimmen. Ich verdränge das Klatschen. Alles verstummt. Ich wünschte mir, dass niemand da gewesen wäre. Es war unser Moment. Es war dieser Augenblick in dem ich dachte, dass du wissen sollst was ich will. Nein, ich wollte sogar, dass du es weißt. Trotzdem habe ich geschwiegen. Habe mich ein weiteres Mal in meine Rolle versetzt für das Publikum. Habe die Geräusche und die Menschen zugelassen. Habe das getan was man von mir erwartet und dabei alle wahren Gefühle versteckt.
Wie gerne würde ich jetzt, einfach so und ohne nachzudenken, nach deiner Hand greifen, die so sorglos auf dem Tisch liegt. Meine Gedanken überschlagen sich. Eine Erinnerung jagt die Nächste und ich drohe schwach zu werden.
Ich sehe dich wortlos auf mich zukommen. Du lächelst. Du siehst so glücklich aus. Total versunken in deiner Euphorie. Aufgeheizt von der Masse. Aufgefressen von dem Adrenalin, das durch deine Venen jagt. Ich habe damals nicht geahnt was mich erwartet. Wir waren schon so oft in dieser Situation und ich dachte, dass ich deine spontanen Ausbrüche am Ende eines Konzertes kenne. Doch diesmal hast du mich überrascht. Einfach kalt erwischt. Du hast meine Hand los gelassen und warst nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt als ich verstand was du vor hattest. Ich konnte nicht mehr reagieren. Deine Hand berührte meinen Oberarm und noch im selben Moment hatte ich deine Lippen auf meinen. Nur kurz. Nur eine einsame Sekunde. Die Zeit stand nicht still und ich verfluchte sie dafür. Meine Arme haben gezuckt und beinahe hätte ich sie um dich gelegt, nur damit du mich nicht mehr los lassen kannst. Das vor all den Leuten. Du hast dich von mir entfernt und mich angegrinst. Die Masse tobte nicht mehr nur. Die Fans schrien sich die Seele aus dem Leib. Sie hatten bekommen was eine Gruppe junger Mädchen in den ersten Reihen gefordert hatten. Ich war perplex und so schaute ich dich auch an. Selten bin ich sprachlos; da war ich es. Doch mir wurde schlagartig bewusst, dass es natürlich nur für das Image war. Die Massen anstacheln. Die Massen zum kollektiven ausrasten bringen - und das hast du geschafft. Hätte ich damals geahnt, dass es nicht das letzte Mal gewesen ist wäre ich vielleicht nie wieder mit dir auf einer Bühne gewesen. Du konntest ja nicht ahnen was für Gefühle ich dir gegenüber hege.
"Was ist nur los?", fragst du mich und reißt mich brutal aus meinen Gedanken.
Ich scharre leise über den PVC Boden. Der Raum scheint sich zu erhitzen. Ich seufze leise und spüre wie mir die Röte in die Ohren steigt. Wie gerne würde ich dir antworten. Wie gerne würde ich endlich diese Last von meinen Schultern haben. Doch die Angst dich danach für immer zu verlieren nimmt überhand. Ich schweige weiterhin. Mein Blick ruht noch immer auf meinen Händen. Meine Daumen drehen sich schnell aneinander vorbei. Ich komme mir vor wie ein dummer Schuljunge. Warum verstehst du mich denn nicht? Warum siehst du nicht was das Problem ist? Wir verstehen uns immer blind. Für nichts brauchen wir Worte, aber hier stehen wir vor dem Abgrund und keiner kann dem Anderen helfen. Du würdest mir so sehr helfen, wenn du endlich verstehen würdest. Noch will ich dich aber nicht belügen, also nehme ich den leichtesten Weg. Ich schweige.
Aus den Augenwinkeln sehe ich wie deine Faust durch die Luft fliegt. Erschrocken, obwohl ich es habe kommen sehen, zucke ich zusammen. Du hast auf den Tisch geschlagen. Dein Stuhl, auf dem du eben noch gesessen hast, fällt rücklings um. Mit einem dumpfen Schlag landet er auf dem Boden. Ich kann hören wie du genervt schnaufst. Verunsichert schaue ich auf. Du verdrehst die Augen und schlägst die Hände hinter dem Kopf zusammen, dann schaust du an die Decke. Das Geräusch deiner tiefen Atemzüge erfüllt den plötzlich so kleinen, stillen Raum. Ruckartig drehst du dich zu mir und senkst die Arme. Mein Blick gleitet wieder nach unten.
"Wie soll ich wissen was du hast, wenn du nicht mit mir sprichst? Verdammt nochmal, erzähl' mir was zwischen uns steht! Ist das denn zu viel verlangt?"
Verzweifelte Wut liegt in deiner Stimme. Du willst es wirklich wissen. Ich sinke immer mehr auf meinem Stuhl zusammen. Fast lache ich los als sich das Bild eines dunklen Verhörraumes vor mir aufdrängt, wie er in schlechten Filmen immer zu sehen ist. Ich sehe dich in einem dunklen Anzug. Nervös gehst du vor dem Tisch auf und ab, bevor du die graue Bürolampe nimmst und mit ihrem Licht genau auf mein Gesicht zeigst. Ich sitze auf dem alten Stuhl aus Aluminium und frage mich, wie lange ich die Fragerei noch aushalten werde.
"Jan!", brüllst du mich an und reißt mich wieder aus meiner Fantasie.
Ich bin zurück in der Wirklichkeit. Du trägst keinen Anzug und du hältst keine Lampe in deiner Hand. Ich sehe dich wie du wirklich vor mir stehst. In deinen dunklen Jeans und dem weißen Hemd, das auf einer Seite über den Hosenbund hängt. Deine ausgetreten Turnschuhe, die du immer zum Schlagzeug spielen trägst, quietschen bei jedem Schritt ganz leise. Deine schwarzen Haare sind auf die rechte Seite gekämmt. Dein langes, gewelltes Pony erinnert mich an Elvis. Die grauen Strähnen schimmern sanft im Licht und ziehen sich durch dein gesamtes Haar. Wieder spüre ich den erwartungsvollen Blick auf mir ruhen. Deine schmalen Lippen pressen sich aufeinander. Ich schaue dich an.
Langsam, aber laut schiebe ich meinen Stuhl ein Stück nach hinten. Weg von dem alten Tisch, der mich einengt. Ich hoffe, dass ich nichts preisgeben werde. Du sollst nicht schlecht von mir denken. Das Verlangen dich zu küssen überkommt mich. Ich atme tief ein. Ich betrachte mir deine roten, schmalen Lippen. Sie heben sich von deiner blassen Haut ab. Ich schüttle meinen Kopf um einen klaren Gedanken fassen zu können. Ich weiß, dass ich mir keinen Gefallen tun werde. Mir ist klar, dass du niemals die selben Gefühle haben wirst oder haben kannst. Und mir wird schlagartig klar, dass ich niemals glücklich sein kann. Dann schaue ich dir direkt in die Augen.
"Es ist nichts", sage ich.
Ungläubig schaust du mir nach als ich das Zimmer verlasse.


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