Ich lächel' für Dich!

Ich lächel' für Dich! ist eine Wichtelstory, die ich für meinen gezogenen Wichtel an Weihnachten 2009 geschrieben. Wenn ich es noch einigermaßen richtig hinbekomme hatte ich hier folgende Vorgaben:

Pairing: F/R
No Go: Kitsch, überzogener Humor
Bittet um: Drama, bisschen Romantik
Kann Ü18 sein

Das Feedback war positiv also hoffe ich, dass die Dame Spaß an der Wichtelstory hatte und ihr natürlich auch!

Kapitel 1

Es war ein Tag wie jeder Andere auch.
Jan war aufgestanden, hatte sich geduscht, frisch angezogen und ausgiebig gefrühstückt. Das Geschwirr war, nachdem er es wie immer mit klarem Wasser abgespült hatte, in die Spülmaschine gekommen. Er hatte sie genau, so wie er es jeden Morgen tat, angeschaltet und gewartet bis das leise Rauschen des Wassers begonnen hatte. Wie üblich war er exakt zwei Minuten vor der Maschine stehen geblieben um darauf zu achten, ob Wasser an den Seiten heraus tropfte. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen war er danach wieder in das Badezimmer gegangen und hatte sich die Haare gekämmt. Danach war er in seine Schuhe geschlüpft, die ordentlich neben der Haustür auf dem grauen Lappen standen. Die Jacke, die er sich danach anzog, schloss er erst als beide Enden des Schals sauber übereinander lagen und unter der Jacke verschwinden konnte ohne dabei sichtbare Ausbeulungen zu hinterlassen. Sein Hausschlüssel steckte in der linken Tasche der Jacke. Das Mobiltelefon in der rechten Jackentasche. Sein Geldbeutel lag schwer in der rechten Brusttasche, aber da er immer dort war störte ihn das spürbare Gewicht nicht. Er hatte sich zu dem Spiegel gedreht, der schon seit Jahren im Flur hing. Die Haare lagen glatt nach hinten gekämmt. Er zog noch einmal an dem Jackenkragen und rückte den Schal zurecht. Dann klopfte er die kaum sichtbaren Fussel von Jacke und Hose. Er griff nach dem Autoschlüssel, der wie gewohnt rechts von der Haustür an einem kleinen Haken hing, und verließ die Wohnung. Wie immer schloss er die Tür zwei Mal ab, bevor er leicht an der Tür ruckelte um sicher zu gehen, dass die Tür auch wirklich verschlossen war.
Alles in Ordnung, dachte er sich und nickte.
Mit starrem Blick geradeaus lief er in gleichmäßig großen Schritten den schmalen Weg entlang. Das Gras um ihn herum war schneebedeckt. Auf dem Weg, auf dem er gerade lief, lag wieder eine dünne Schneeschicht. Obwohl er erst gestern beinahe zwei Stunden damit zugebracht hatte den Weg zu säubern. Erst hatte er in regelmäßigen Abständen kleine Schneehäufchen an den Rand geschoben, die er später als gleichmäßig hohe Schicht auf dem Gras verteilt hatte. Mit dem Besen war danach immer wieder über die Steine drüber und hatte dabei darauf geachtet, dass alles ordentlich und sauber aussah. Immer wieder hatte er danach seine Arbeit kontrolliert, gegebenenfalls verbessert. Das letzte Mal kurz bevor er zu Bett gegangen war. Er folgte dem Steinweg nach links zu seinem Auto.
"Wartest du schon lange?", fragte er.
"Nein", war die Antwort.
Jan klopfte sich die Schuhe ab bevor er seine Füße in den Innenraum des Wagens stellte. Er schloss die Autotür. Sein Blick fiel auf den Rückspiegel. Er griff nach dem Kragen der Jacke und zog ihn ein kleines Stück nach rechts.Er war verrutscht als er in den Wagen gestiegen war. Er drehte ein wenig am Rad, dass den Sitz in eine grade Position brachte. Den Gurt legte er sich fest um seine Brust, zog zur Sicherheit nochmal daran und drehte ihn dabei gerade. Mit prüfenden Blick kontrollierte er die Spiegel. Der rechte Außenspiegel musste nachgestellt werden. Es kostete ihn fast fünf Minuten bis er zufrieden nickte und sich ein Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete.
"Können wir jetzt los?", fragte Rod und schaute Jan von dem Beifahrersitz an.
"Du musst dich anschnallen", forderte Jan ihn auf.
"Du weißt, dass ich mich nie anschnalle. Fahr' endlich los."
"Auf deine Verantwortung, mein Lieber! Holen wir unseren Weihnachtsbaum."

Kapitel 2

Jan stieg aus dem Wagen. Er sog die frische, kühle Luft durch die Nase. Sofort drang der durchdringende Geruch von frisch geschlagenen Tannen zu ihm durch.
"Riecht das nicht gut?", lächelte er.
"Mag sein", erwiderte Rod und schritt neben Jan her.
Sein Blick glitt über die vielen Bäume. Jan hörte einer Mutter, die schier verzweifelt nach ihrer Tochter rief. Er entdeckte ein blondes Mädchen, dickt eingepackt in Schneekleidung, das kichernd von Baum zu Baum rannte und sich hinter den breiten Tannen versteckte. Eine Familie lief lachend an ihm vorbei. Der Vater hatte den gekauften Weihnachtsbaum unter dem Arm. Ein älteres Ehepaar betrachtete sich interessiert eine fast zwei Meter hohe Blaufichte.
"Möchtest du einen speziellen Baum, Rod?"
"Nein, hauptsache er ist nicht allzu groß. Wir müssen ihn ins Auto kriegen."
"Natürlich. Nur etwas Kleines. Weihnachtlich kann man auch einen kleinen Baum machen."
Die junge Frau, die neben ihm stand, schaute Jan fragend an bevor sie mit kleinen, energischen Schritten ihre Begleitung suchen ging. Jan sah sich um. In jeder Ecke, so schien es ihm, herrschte reges Treiben. Verkäufer, leicht zu erkennen an ihren roten Jacken und den Nikolausmützen, wuselten zwischen den Bäumen und den Kunden umher. Die einen trugen schnaufend einen Baum, die Anderen berieten Kunden, die sich einfach nicht entscheiden konnten. Eine jugendlich wirkende Frau trat auf ihn zu. Der weiße Bommel an ihrer Mütze schwang bei jedem Schritt mit. 
"Kann ich Ihnen helfen?"
"Gerne. Mein Freund ich suchen einen kleinen, aber nicht zu kleinen, Weihnachtsbaum. Er sollte nicht allzu breit sein und vielleicht einen leicht bläulichen Eindruck machen. Das würde perfekt zu den Kugeln passen oder denkst du an was Anderes?", sein Blick glitt zu Rod.
Rod nickte ihm wortlos zu. Ihr entglitten die Gesichtszüge als sie sich suchend umsah. Kurzzeitig vermittelte sie den Eindruck als hätte sie die Fassung verloren.
Dann setzte sie das eingübte Lächeln einer Verkäuferin auf: "Ich schätze, da werden wir was für Sie finden."
Jan nickte, zpfte an seinem Kragen und lächelte.

Kapitel 3

"Soll ich dich nach Hause bringen bevor ich zu Doktor Rheinmann fahre?"
"Nein, ich werde einfach laufen", Rod schenkte ihm eines seiner selten gewordenen Lächeln.
"Das ist aber weit."
"Ich weiß wie weit es ist und ich werde trotzdem laufen."
"Wie du willst, aber beschwere dich nachher nicht, dass ich dir nicht angeboten hätte, dich heimzufahren", Jan lachte leise auf.
"Nein, werde ich schon nicht machen."
"Hilfst du mir dann beim Schmücken des Baumes?"
"Schauen wir, wenn du vom Arzt kommst."
"Ich liebe dich", sagte Jan und ließ die Fensterscheibe nach oben fahren.
Rod legte seine Finger auf die Scheibe. Er schien sie kaum zu berühren. Ihre Blicke trafen sich kurz bevor Jan einen prüfenden Blick auf die Spiegel warf, lächelnd eine Haarsträhne nach hinten strich und sich im Rückspiegel zu nickte. Er wusste, dass er pünktlich zu seinem Termin kommen würde und er war dem Doktor dankbar, dass er heute Zeit für ihn hatte. Ihm war bewusst, dass Doktor Rheinmann sich nicht für jeden Patienten Zeit nahm über die Weihnachtstage.

"Guten Tag, Herr Rheinmann."
"Hallo, kommen Sie rein! Ist ja fürchterlich kalt hier draußen."
"Danke", Jan schrubbte sich gründlich die Schuhe an der Matte ab bevor er auf das leuchtende Parkett trat.
Seine Jacke hängt er auf einen der Kleiderbügel und legte den Schal unter den Kragen der Jacke. So konnte der Schal nicht runter rutschen und verloren oder vergessen gehen. Er spürte wie die Wärme des Raumes durch seine Kleider kam und langsam neues Leben in seinen Gliedmaßen weckte. Bevor er das kleine Behandlungszimmer des Therapeuten betrat kontrollierte er, dass die Jacke gerade auf dem Kleiderbügel hing.
"Alles in Ordnung?"
"Alles wunderbar", lächelte Jan.
"Prima, dann setzen Sie sich doch."
"Gerne doch. Danke."
Der Arzt nahm Jan gegenüber Platz: "Wie geht es Ihnen heute?"
"Bestens, danke."
"Ich hoffe, Sie sind nicht sauer, wenn wir heute direkt anfangen?"
Jan blickte dem älteren Mann in die Augen: "Natürlich nicht. Schließlich ist doch Weihnachten und ich bin sicher, Sie wollen gerne zu Ihrer Familie. Ich wollte mich auch noch für den Termin bedanken."
"Wieso das denn? Das ist nicht nötig", Doktor Rheinmann griff nach einen Stift und seinem braunen Schreibrett, das er sich auf die Beine legte nachdem er sie übereinander geschlagen hatte, "Gibt es bei Ihnen etwas Neues zu berichten?"
"Nein, eigentlich nicht. Wir haben eben einen Weihnachtsbaum gekauft. Eine schöne Tanne, obwohl zugeben muss, dass ich lieber eine Blaufichte gehabt hätte. Dafür die das Bäumchen nicht zu groß und nicht zu breit. Genau genommen ist sie wirklich perfekt."
"Das klingt doch wunderbar. Wird der Baum denn heute noch geschmückt?"
"Sicher, sicher. Ist doch eine schöne Weihnachtsbeschäftigung oder denken Sie nicht?"
"Doch."
"Eben, das denke ich auch und daher schmücken wir das Bäumchen heute. Ich hoffe, dass Rod nachher schon den Baumschmuck bereit gestellt hat."
Der Doktor schaute auf: "Dann sind sie also noch zusammen?"
"Selbstverständlich und es läuft bestens seit er wieder da ist."
"Seit wann ist er denn wieder da?"
Jan dachte kurz nach: "Er ist heute Vormittag angekommen. So wie wir es ausgemacht hatten."
"Hat er es also geschafft?"
"Was ist denn das für eine Frage, Herr Rheinmann?", Jan lächelte ihn gutmütig an, "Wir feiern seit sechs Jahren zusammen Weihnachten und er kam jedes Mal pünktlich, so wie wir es ausgemacht haben."
"Sind Sie sich sicher, dass Sie Weihnachten wieder so ausgiebig feiern möchten?"
"Ja, es ist doch sein liebster Feiertag und mir macht es jedes Mal mehr Spaß. Das Schmücken, das Kochen, die Geschenke. Eben alles was dazu gehört. Apropos Geschenke. Ich habe ja auch schon etwas für ihn gekauft."
"Darf ich raten?"
Jan lachte leise auf: "Natürlich, wenn Sie möchten."
Doktor Rheinmann sah ihn an: "Ist es ein Buch?"
"Sie sind gut!", Jan sah ihn erheitert an, "Er hat sich das Buch schon so lange gewünscht und was bietet sich da mehr an als Weihnachten?"
"Ich gehe davon aus, dass er das heute bekommt?"
"Ja, so war es geplant."
"Dann sehen Sie sich also heute Abend wieder. Sie haben am Anfang angedeutet, dass jemand mit Ihnen den Baum geholt hat. War es ihr Freund?"
"Ja, er hat ihn genau genommen auch ausgesucht."
"Wollen wir eventuell über die vergangenen Tage sprechen?"
"Gerne. Wenn Sie mir sagen, was Sie wissen möchten", Jan lächelte und nickte zustimmend.
 

Kapitel 4

Jan hatte den Baum aufgestellt. Es hatte ihn eine Stunde gekostet, aber er war glücklich, dass der Baum nun gerade stand. Rod war noch nicht zurück. Langsam begann er sich Sorgen zu machen, doch er wollte auch nicht noch länger warten bis er wieder daheim war. Dann würde er den Baum eben alleine schmücken. Er war sich sicher, dass Rod sich über die Überraschung freuen würde. Ebenso wie über den heißen Kaffee. Der Duft des braunen Muntermachers lag schon seit einer ganzen Weile in der Luft. Jan hatte ihn direkt aufgestellt als er den Baum in die Wohnung und seine Schuhe ausgezogen hatte. Sogar noch bevor er den Baum sicher in den Ständer gestellt hatte, schließlich konnte Rod jeden Moment kommen. Der Staubsauger und der Baumschmuck hatte er sich ebenfalls schon auf die Seite gestellt. Nach dem Schmücken musste er die verlorenen Nadeln wegsaugen. Vielleicht würde er einmal das komplette Haus saugen, damit die Teppichböden gleich sauber waren.
Er griff in die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck. Nach jeder Kugel und jedem Strohstern betrachtete er sich eine Weile das Bild, das sich ihm bot. Er zog in Erwägung wo der nächste Schmuck dran sollte. Mit jedem Stück Dekoration mehr, das an dem Baum hing, freute sich Jan ein bisschen mehr auf Rods Ankunft zu Hause. Er würde sicher zu hören bekommen, dass der Baum perfekt war. Immerhin gab er sich größte Mühe damit. Ein wenig goldenes Lametta landete zielsicher auf dem Baum und Jan begann damit jeden Faden dorthin zu legen wo er ihn sich vorstellte. Es dauerte eine Weile, aber zum Schluss saß auch der Engel aus Holz auf der Baumspitze. Jan war stolz und es gefiel ihm. Es dauerte etwas mehr als zwei Stunden bis er das Haus gesaugt und die Kisten des Weihnachtsschmuck sicher verstaut hatte. Doch dann setzte er sich mit einem Lächeln auf den Lippen auf das Sofa und ließ kaum eine Sekunde den Baum aus den Augen.

Kurz bevor Jan in sein Bett steigen wollte klingelte das Telefon. Wie gewöhnlich hielt er den Hörer in der Hand bis das fünfte Klingeln verebte und er den Anruf entgegennahm.
"Ja, bitte?"
"Na, mein großer Blonder?", Dirks Stimme dröhnte fröhlich aus dem Telefon.
"Du bist es. Schön dich zu hören!"
"Wie immer, nicht wahr? Frohe Weihnachten."
"Danke, euch auch. Wie geht es dir denn?"
"Mir geht es super."
"Das ist schön zu hören. Feiert ihr denn nicht?"
"Doch, doch. Der Kleine spielt schon ganz tapfer mit seinen Sachen. Gut, ich gebe zu, dass er mehr mit dem Papier spielt, aber hauptsache er ist glücklich."
"Das Papier knistert ja auch so schön. Da kann man ihn fast verstehen, aber das er so spät noch wach ist?!", lachte Jan.
"Ach, keine Sorge. An Weihnachten ist der Junge nicht klein zu kriegen. Da fallen die Eltern früher in den Schlaf als er. Aber erzähl' doch mal was du machst."
"Ich warte noch auf Rod."
"Oha."
"Ja, wir haben heute Mittag einen Baum gekauft und er wollte heim laufen, da ich noch einen Termin bei Doktro Rheinmann hatte. Ich denke, dass er einfach die Zeit vergessen hat."
"Es ist ja auch erst acht Uhr. Aber denkst du denn wirklich, dass er heute noch kommt?", Dirks Stimme war sanfter geworden.
"Warum sollte er denn nicht? Wie ausgemacht und wie jedes Jahr. Ich habe mir auch überlegt, ob ich ihn heute nicht fragen soll, ob wir den nächsten Schritt wagen und zusammen ziehen sollten."
"Natürlich. Das wäre eine feine Sache. Jan, warum ich eigentlich anrufe. Ich weiß, morgen ist der erste Weihnachtsfeiertag und so, aber hast du schon was vor?"
"Nein, geplant ist nichts."
"Dann passt es dir doch sicher, wenn ich gegen zwölf bei dir vorbei komme?"
"Sicher doch", Jan lächelte, "Du weißt doch, dass du immer kommen kannst. Ich stehe...""
"...um acht Uhr auf", beendete Dirk den Satz, "Ich komme trotzdem erst gegen zwölf und dann muss ich dir dringend was zeigen, alles klar?"
"Ist so gut wie notiert, mein Lieber."
"Super und hey, sei nicht allzu niedergeschlagen, wenn Rod doch nicht mehr auftaucht."
"Er wird schon kommen. Mach' dir da mal keine Sorgen."

Rod kam nicht mehr.
Jan hatte den Abend mit Warten verbracht. Reglos saß er auf dem Sofa und sah sich immer wieder den Weihnachtsbaum an. Manchmal zog er an dem Kragen seines T-Shirts, dass er sich angezogen hatte. Hin und wieder räusperte er sich und blickte erwartungsvoll zu der Haustür. Er hoffte so sehr, dass er das Klicken im Schloss vernahm. Doch es blieb still im Raum und niemand drehte einen Schlüssel in der Haustür.
Am späten Abend stand er in der Küche. Trotz der erfolglosen Warterei hatte er ein Lächeln auf dem Gesicht. Beinahe zärtlich ließ er den Kochlöffel durch die dampfende Suppe gleiten bevor er Topf von der heißen Kochstelle nahm und ihn auf einen Holzuntersetzer stellte, der schon auf dem Esstisch bereit lag. Zwei weinrote Platzdeckchen, die mit silbernen Fäden durchzogen waren, lagen auf der Tischplatte. Er benutzte die Unterleger nur zu Weihnachten, ebenso die Teller und das Geschiss. Die silbernen Löffel glänzten makellos im Licht der Küchenlampe. Kerzengerade lagen sie neben den tiefen Suppentellern, die ihren Platz genau in der Mitte der Platzdeckchen gefunden hatte. Neben Rods Teller stand ein Weinglas. Jan hatte es zur Hälfte mit Weißwein gefüllt. Der aufdringliche Geruch des Weines lag in der Luft und er füllte sich sein Glas mit stillem Wasser. Er setzte sich an den Tisch und trank einen Schluck. Er begann sich Sorgen zu machen und fühlte sich alleine. Trotzdem verschwand sein Lächeln nicht. Er hatte sich etwas Suppe in den Teller gemacht, die nun dampfend vor ihm stand.
Vielleicht wollte er noch etwas trinken gehen und hat tatsächlich die Zeit vergessen. Wäre nicht das erste Mal, dachte Jan und hob den Löffel an den Mund.

Die Spülmaschine lief und Jan hatte die zwei Minuten gewartet. Da kein Wasser an den Seiten austrat drehte er sich um. In der einen Hand den Deckel für den Suppentopf indem noch immer genügend lauwarme Suppe war. Er schloss den Topf. Auf Rods Teller hatte einen kleinen Zettel gelegt.
Eine Kleinigkeit zu essen, wenn du wieder heim gekommen bist. Schade, dass wir dieses Weihnachten nicht zusammen waren. Morgen kommt Dirk vorbei. Vielleicht bist du wenigstens dann für einen Moment bei uns. Mal wieder zu dritt sein, so wie wir es immer waren, immer wieder überflog er die Zeilen. Schließlich setzte er in seiner klaren Schrift ein Ich liebe dich darunter und nickte. Jetzt war er zufrieden. Neben dem gedeckten Platz stand das Geschenk. Das Licht ließ das goldene Papier leicht leuchten gab dem perfekt gedeckten Tisch den letzten Schliff. Beim Verlassen der Küche ließ er das Licht für Rod an. Sollte er doch sehen, dass er an ihn gedacht hatte und einen Grund haben sich zu freuen. Er betrat das Badezimmer und machte sich fertig um zu Bett zu gehen.

Kapitel 5

"Frohe Weihnachten!", schallte es Jan entgegen als er die Tür öffnete.
"Schön, dass du da bist", lachte er.
Dirk nahm Jan in die Arme, lächelte ihn an und drückte ihm einen Umschlag in Hand: "Von dem Zwerg für den Onkel."
"Danke. Ein Bild?"
"Na klar, er musste heute Morgen dann doch die neuen Stifte ausprobieren und ein bisschen mehr."
"Niedlich", meinte Jan und betrachtete sich das Bild.
Ein paar bunte Striche, klebrige Streifen von einem Klebestift und eine Menge Glitzer von dem ein wenig auf den Boden rieselte als er das Papier auseinander faltete. Jan freute sich.
"Ich bin so gut wie fertig. Du wolltest mir doch was zeigen, nicht wahr?"
"Ja, aber lass' dir ruhig Zeit. Nur keinen Streß."
"Du kennst mich Dirk. Streß ist ein Fremdwort für mich."
Dirk zog die Haustür hinter sich zu und betrat die Küche. Aus den Augenwinkeln sah wie Jan das Bild in den Weihnachtenbaum legte. Es entging ihm nicht, dass Jan immer wieder einen Schritt nach hinten trat, sich das Bild anschaute und doch wieder verrückte. Er wusste, dass Jan den für ihn perfekten Platz suchte. So, dass sich das Bild nahtlos in den Baum einfügte. Sein Blick glitt zu dem gedeckten Esstisch.
"Hast du für mich gedeckt?", fragte Dirk aus der Küche und ahnte was kommen würde.
"Nein, tut mir leid. Das war für Rod."
Dirk seufzte. Er strich sich durch die Haare. Er sah, dass der Suppenlöffel kerzengerade mit wenigen Zentimetern Abstand zum Teller lag. Er fragte sich, wie oft Jan das Platzdeckchen glatt gestrichen und dann doch wieder verschoben hatte. Es wunderte ihn auch nicht, dass er den Zettel im Teller so gefaltet hatte, dass er nicht umfallen konnte. Vorsichtig schaute er in den Topf und erkannte Rods Lieblingssuppe. Es brach ihm fast das Herz. Ihm wurde klar, dass sich nichts geändert hatte und alle Befürchtungen, die er seit dem Telefonat gestern hatte, hatten sich bestätigt. Der kleine Ausflug schien nötiger denn je.
"Ist das dein Geschenk für Rod?"
"Ja."
"Dann nimm' es mit."
Jan zog den Kragen seiner Jacke gerade: "Findest du, dass das Bild gerade ist?"
"Bitte?"
"Das Bild. Im Baum."
Dirk wandte sich nur kurz dem Bild zu bevor er die Augen schloss: "Sicher ist es grade. Lass' uns gehen."

Dirk schob sich durch den dichten Stadtverkehr. Ihr Ziel war fast zum greifen nah, doch sie kamen nur sehr langsam voran. Es hatte in der Nacht kräftig geschneit und die Straßen waren noch nicht alle frei. Im Schneckentempo schlichen sie die Seitenstraßen entlang und wurden von jeder Ampel aufgehalten. Immer wieder fiel sein Blick auf Jan, der stocksteif neben ihm saß. Er schien nicht zu wissen wo sie hinfuhren, obwohl sie seit Jahren den gleichen Weg nahmen. Es machte den Eindruck als wäre er nervös. Immer wieder zupfte Jan an seinem Hemdkragen herum und schaute in den Spiegel. Aber Dirk wusste, dass er nicht nervös war. Er konnte einfach nicht anders. Und das ewige, nicht verschwinden wollende Lächeln auf seinen Lippen. Egal an welchem Tag. Egal was passieren mag. Es war fast immer da und es brachte Dirk um den Verstand, dass er jedes Mal auf das Neue daran schuld hatte, wenn es verschwand. Nur für wenige Augenblicke, aber das war der schlimmste Moment im ganzen Jahr. Beinahe genau so schlimm war sein Wissen, dass Jan schon morgen wieder in seinen alten Trott zurück fallen würde. Dirk tat es im Herzen weh, dass sein bester Freund sich so verändert hatte. Es waren nicht die kleinen Macken, die er seither hatte. Es war die Tatsache, dass er sie selbst nicht sah und so lange er sie nicht sah würde sich nichts ändern. Dirk blinkte und brachte das Auto auf dem Parkplatz zum Stehen.

Kapitel 6

"Was machen wir denn hier?", wollte Jan wissen.
Er hielt das Geschenk mit beiden Händen umklammert vor seinem Bauch. Sein Lächeln schien festgefroren. Fragend schaute er zu Dirk, sah sich kurz um und lächelte dann wieder seinen Freund an. Der stand schwer atmend in der Kälte und blickte zu seinen Füßen. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.
"Lies das hier", sagte er mit klarer Stimme und nickte zu dem Grabstein vor ihnen.
"Rodrigo Gonzales. Verstorben am 24.04.2006. In liebevoller Erinnerung an einen guten Freund, Musiker und Sohn."
Dirks Blick ruhte auf Jan. Es dauerte eine Weile. Es war wie jedes Jahr. Mittlerweile war er die Situation gewöhnt und doch war im flau im Magen, seine Muskeln angespannt. Er hatte Angst vor dem Moment in dem Jan wirklich verstand was hier passierte. Er wusste nicht, wie er dann reagierte. Endlich sah Dirk wie das Lächeln aus Jans Gesicht verschwand und er das Buch noch ein wenig mehr an seine Brust drückte. Dirk atmete tief ein und legte Jan die Hand auf die Schulter.
"Aber wie?", wollte Jan wissen.
"Autounfall. Er wollte zu dir nach Hause fahren und dich abholen. Danach solltet ihr zu uns kommen. Wir wollten zusammen Weihnachten feiern. Kurz vor der Stadt kam ein Auto auf der Gegenfahrbahn ins Schleudern. Der Fahrer war zu schnell. Sie sind frontal aufeinander geprallt. Die Ärzte haben gesagt, er wäre sofort gestorben. Es wäre euer erstes Weihnachten als Paar gewesen. Ihr ward etwa zehn Monate zusammen und du wolltest ihn fragen, ob ihr zusammen zieht."
"Aber das Buch?"
"Das war das Geschenk in diesem Jahr. Seitdem kaufst du es jedes Mal auf's Neue und willst es ihm jedes Jahr schenken. Genau so wie du jedes Jahr mit ihm Weihnachten feiern willst."
"Aber das Essen und der Baum und... Er war doch gestern mit mir unterwegs."
"Das ist er jedes Jahr, Jan. Aber jedes Jahr am ersten Weihnachtsfeiertag stehen wir beide hier vor dem Grab und ich erzähle dir jedes Mal das Selbe. Es dauert nie lange, dann scheinst du alles zu vergessen und legst das Buch hin. Danach hat sich für dich nichts geändert und du wartest wieder ein Jahr. Es tut mir so unendlich leid."
Jan sah auf den grauen Stein, der vor ihm aus der Erde ragte. Immer wieder glitt sein Blick über den Namen. Vorsichtig ging er in die Knie und schob den Schnee leicht beiseite. Das Buch stellte er auf die nasse Erde. Er blickte auf. Am Liebsten hätte er geschrien. Hinter dem Grabstein stand die schlanke Person, die auch gestern schon bei ihm im Auto gesessen hatte und schaute ihn von oben herab an. Erst jetzt erkannte den leeren Blick.
"Ich liebe dich", sagte er und blickte Jan als als wolle er ihn um Verzeihung bitten.
Als Jan aufstand lächelte er.

 


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