Vergangenheit, Blut & Nostalgie

 

VBN war die erste Fanfiction, die ich überhaupt geschrieben habe.
Ich habe hier und da die Realität mit Fiktion gekreuzt, die durchaus auch mal übertrieben sein kann. In gewisser Weise lässt sich hier auch wieder ein Bezug zum Genre Songfic finden.
Veröffentlicht ist / war die Fanfiction schon auf mehreren Seiten. Allerdings immer in verschiedenen Varianten, mal mit mehr oder weniger Schreibfehlern. Da ich aber nie einen Beta-Leser/in zu meinen persönlichen Dingen zählen durfte wird sich das in dieser Version sicher nicht ändern.

Unwichtige Information am Rande: Tatsächlich habe ich auch schon versucht genau diese Geschichte mit anderen Hauptcharakteren zu veröffentlichen. Allerdings scheiterte es dann an der Kürze der Geschichte und den vielen, doch sehr speziellen Eigenschaften. Es soll euch aber nicht abgesprochen werden, euch beim Lesen andere Gesichter zu den vorgegebenen Namen vorzustellen.

Kapitel 1

Gestern noch hatte Dirk im Zug gesessen, nach Hause kommend von seiner verdienten Woche Urlaub. Die Sporttasche, die über ihm in der Gepäckablage stand, war voll mit dreckiger Wäsche und kleinen Andenken. Die Mitbringsel hatte er im Hotel noch halbwegs liebevoll in Zeitungspapier und Plastiktüten gepackt, so dass nichts kaputt gehen konnte. In der Hand eine Zeitung vom Vortag saß er, mit seiner Lieblingsmusik in den Ohren, im Abteil der ersten Klasse und wartete auf die Ankunft im Hauptbahnhof. Heute lag er in einem viel zu weißen Bett und es schien als würde er gegen die Decke starren. Der Fernseher, der gegenüber an der Wand hing, lief seit ihn die Schwester angemacht hatte. Der Ton drang aus einem paar Kopfhörer, den man ihm möglichst nah an das Kopfkissen gelegt hatte. Durch die extreme Lautstärke füllte der Ton den ganzen Raum aus; wenn auch nur leise.
"Ein wenig Unterhaltung. Er wird es bestimmt wahrnehmen", hatte die Schwester gesagt bevor sie mit einem aufmunternden Lächeln verschwunden war.
Langsam tröpfelte die unbekannte Flüssigkeit in den Infusionsschlauch und glitt hinab um sich den Weg durch die Nadel in Dirks Vene zu suchen. Der groß gewachsene, blonde Mann schluchzte leise und umklammerte seit Stunden die Hand seines Freundes. Doch von alldem bekam Dirk nichts mit. Er lag einfach nur still in seinem Bett, bis zum Kinn eingepackt in die Decke, und schlief. Beinahe mehr als vierundzwanzig Stunden lag er nun schon so da. Er war leichenblass, hatte dunkle Ringe unter den Augen und die Wangen schienen eingefallen. Wären nicht wenigstens ein paar Bartstoppel erschienen hätte man vermuten können, er sei tot. Und genau das war auch der erste Gedanke des jungen Mannes, der neben Dirks Bett saß als er seinen Freund das erste Mal so hatte da liegen sehen. Erschrocken war er auf den Stuhl gesunken und versucht nicht zusammenzubrechen. Doch war er es auch dem Dirk sein Leben zu verdanken hatte. Jan, der ihn eigentlich nur vom Bahnhof abholen wollte.

Jan hatte ihn angerufen um zu erfahren wann genau sein Zug ankommen würde. Wie vermutet etwas später, aber es würde sich nichts daran ändern, dass er sich freue endlich wieder nach Hause zu kommen. Und natürlich hatte Jan überpünktlich am vereinbarten Treffpunkt gestanden. Riesige Vorfreude hatte ihn auf seinem Weg dorthin begleitet und ließen ihn schlussendlich von einem auf den anderen Fuß treten.
Mit der angekündigten Verspätung traf der Zug im Bahnhof ein. Eine Menge Leute waren ausgestiegen. Irgendwo darunter auch Dirk, dessen Beine sich taub anfühlten. Er war ausgestiegen und hatte sich umgesehen um die Orientierung zu finden. Nachdem er sich kurz gestreckt hatte entschied er sich dafür Jan noch einen Moment warten zu lassen und erst die nächstgelegene Toilette aufzusuchen. Wenige Minuten später fiel die Toilettentür hinter ihm und er folgte einer Gruppe Touristen Richtung Ausgang. Es dauerte nicht lange bis er seinen Freund aus der Ferne erkannte und ihm eines seiner schönsten Lächeln schenkte. Jan erwiderte es und machte ein paar Schritte auf ihn zu. Doch im selben Moment verkrampfte sich Dirks Magen und auch das letzte Gefühl wich aus seinen Beinen. Die Tasche fiel ihm aus der Hand und seine Knie knickten ein. Kurz bevor er auf dem Boden aufschlug fing er sich mit einer Hand ab und riss die Andere hoch an seinen Kopf, der zu explodieren schien. Er kniff die Augen zusammen und spürte den eiskalten Steinboden auf seiner Wange. Er hörte, dass Jan seinen Namen rief und verschwand binnen einer Sekunde im tiefen Nichts als die Welt um ihn herum einstürzte.

Noch in der selben Nacht hatte der Arzt Jans bitten und betteln nachgegeben und ihm den Grund für Dirks plötzlich Zusammenbruch genannt. Er ahnte was er zu hören bekommen würde.
"Ihr Freund hat eindeutig zu viel Drogen konsumiert."
"Er wollte sich aber nicht...?", fast erwartete er, dass der Arzt ihm einen gescheiterten Selbstmordversuch bestätigen würde.
"Nein, machen Sie sich keine Sorgen. Ich weiß nicht, wie lange ihr Freund schon Konsument ist, aber es scheint so als sei das für Sie keine neue Information. Es ist eine einfache Konsequenz der Abhängigkeit und die kann man nicht bestreiten bei der Dosis und der Tatsache, dass er nicht gestorben ist. Zumal sein äußerliches Erscheinungsbild eindeutig für eine langjährige Abhängigkeit spricht. Auch wenn es makaber klingen mag, aber seien Sie froh, dass zu diesem Zeitpunkt passiert ist. Wäre er alleine gewesen hätte das nicht so ein Ende genommen. Sie müssen ihm klar machen, dass er dringend einen Entzug in Erwägung ziehen muss. Aber seien Sie vorerst unbesorgt. Für's Erste geht es ihm gut und er ist stabil. Noch ein paar Tage und er kann gehen. Dann ist er ganz der Alte."
Seither saß Jan an Dirks Bett und hatte sich tröstende Worte von Familienangehörigen und Freunden angehört, aber auch selbst versucht Trost zu spenden. Mittlerweile war er sich sicher, dass er dem Arzt vertrauen konnte und es Dirk bald besser gehen würde. Auch wenn er nicht mehr der Alte sein würde. Das war er schon lange nicht mehr.
Seit er sich den Drogen zugewandt hatte, hatte Jan die schleichenden Veränderungen wahrgenommen. Es war nicht nur das Äußerliche. Anfangs war es nur das plötzliche Verschwinden. Hier und da mal dreißig Minuten in denen er zu Freunden gegangen ist von denen Jan noch nie etwas gehört hatte oder die kurzen Ausflüge in die Stadt, die Dirk sonst immer versucht hatte zu meiden. Er war lieber in den Supermarkt nebenan gegangen. Da kannte man ihn, ließ ihn einkaufen und er konnte verschwinden. Ebenso unauffällig war die Tatsache, dass er öfter ins Bad ging. Jan hatte sich sogar noch lustig über ihn gemacht und ihm eine altersschwache Blaße vorgeworfen. Das etwas nicht stimmte fiel ihm erst auf als die Badbesuche länger wurden oder er Schwierigkeiten hatte normal zu laufen. An manchen Tagen war kurze Zeit, nachdem er aus dem Bad gekommen war, so weggetreten, dass er immer wieder einschlief und sich beim Laufen jede Gelegenheit zum festhalten wahrnahm und immer mehr fehlte ihm der Hunger. Er verlor seine sonst so hochgeschätzte Motivation und begann immer schludriger zu arbeiten. Im Laufe der Zeit konnte man die Veränderungen jedoch auch sehen. Er verlor schnell zu viel Gewicht. Seine Wangen fielen ein und er wurde von Tag zu Tag blasser. Und auch wenn Jan sich immer mehr Sorgen machte beruhigte Dirk ihn und er ließ sich auch vertrösten. Schließlich raffte Dirk sich von Zeit zu Zeit wieder auf, nahm zu und verbrachte mehr Zeit mit ihm als in der Stadt. Die Qualität seiner Arbeit schoss in diesen Zeiten rapide nach oben und er sah gesünder aus. Es war nur ein dummer Zufall, dass Jan die Wahrheit heraus fand und der Gedanke an diesen Augenblick brachte ihn jedes Mal an den Rand der Verzweiflung. Doch er war gut darin nicht daran zu denken und so hielt er es auch jetzt. Er holte sich zurück in die Gegenwart und betrachtete das kleine Häufchen Elend, das vor ihm im Bett lag. Er schlug die Augen auf.
"Bist du... wach?", Jan zog erschrocken die Hand des Kleinen los, "Wie fühlst du dich?"
"Super, alles bestens", Dirks Stimme hörte sich schwach an.
"Willst du was trinken? Soll ich dir eine Schwester holen?"
Kaum sichtbar schüttelte er den Kopf, hielt aber sofort wieder inne. Sein Kopf fühlte sich an als würde er explodieren. Sein ganzer Körper brannte vor Schmerzen, jede Bewegung fühlte sich an als würde man ihn mit einem Messer traktieren und strengte ihn an. Er wollte am Liebsten wieder in den tiefen Schlaf zurück aus der er eben erst erwacht war. Jan berührte vorsichtig seine Hand und rückte leise seinen Stuhl ein Stück näher an das Bett. Es sollte Dirk zeigen, dass er da bleiben würde. So wie er es die ganze Zeit über war.
"Bist du hier seit ich...?"
"Ja, sicher. Es waren alle schon hier. Freunde, Familie... Auch ein paar Anhänger des Grafen haben sich hierher verirrt und dir die Gummibärchen gebracht", Jan schaute zu dem Glas, das auf dem Schränkchen stand.
Dirk blickte zur Seite und sah die Gummibärchen, die Fledermäusen ähnelten. Ein kurzes Lächeln zuckte über sein Gesicht bevor er langsam versuchte sich aufzurichten. Der Schmerz, der ihm dabei durch den Rücken fuhr, ließ ihn aufstöhnen. Mit zusammengekniffenen Augen rutschte er trotzig ein Stück nach oben und lehnte seinen Kopf an das kalte Gitter des Bettes. Jan nahm den Kopfhörer weg und legte ihn zur Seite.
"Ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber", Jan schaute den Kleinen an, "so kann das nicht weiter gehen. Ich hatte eine Menge Zeit zum nachdenken. Du hast fast einen Tag regungslos hier gelegen. Ich denke nicht, dass du dir vorstellen kannst was wir uns für Sorgen gemacht haben. Mir ist klar, dass du das nie zugeben wirst, aber du hast verdammt nochmal ein Problem und musst dir jetzt endlich helfen lassen."
Dirk zog seine Hand zurück, zupfte an seinem Kopfkissen und ließ sie unter der Bettdecke verschwinden. Sein Blick wich dem Jans nicht aus. Die Sekunden schienen sich erbamungslos in die Länge zu ziehen während sie sich schweigen anstarrten und keiner von Beiden die Miene verzog.
"Stimmt", unterbrach Dirk schließlich die Stille, "Ich hab' kein Problem. Mir geht's zwar nicht blendend, aber ich wie du siehst, lebe ich noch."
"Noch ist genau das was mir, nein, uns Angst macht."
Dirk verdrehte die Augen: "Jan, bitte. Ich kann das nicht gebrauchen und du weißt, dass es mir gut geht. Vielleicht solltest du nach Hause gehen. Dich duschen und richtig ausschlafen. Danach geht's auch dir wieder besser."
"Ich war kurz zu daheim. Das ist..."
"Bitte. Geh!"
Jan schwieg. Er schaute seinen Freund nur an. Wut und Enttäuschung kochten in ihm hoch als er genau diesen Mann vor sich sah, den er mittlerweile nur noch hassen wollte. Der Mann, den er so nicht kennengelernt hatte und jegliche Hilfe ablehnte. Der sich weigerte sein Problem zu sehen und alles runterspielte, wenn ihm etwas nicht passte. Deswegen hatte Jan ihn angeschrieen. So lange bis Dirk voller Wut und Verzweiflung zugeschlagen hatte und die Sache beendete, die für Jan zu diesem Zeitpunkt schon längst vorbei war. Jan hatte ihn aus der Wohnung geschmissen und Dirk war zu einem Bekannten geflüchtet. Einen von der Sorte, die Dirk nur wegen seiner Sucht kannte und mochte. Erst ein paar Tage danach hatte Jan erfahren, dass dieser Freund Dirk überhaupt erst an die Drogen gebracht hatte. Er war regelrecht ausgerastet und zu ihm gefahren. Dirk war kaum ansprechbar. Lag völlig bewegungsunfähig in der Ecke und schlief. Jan hatte sich den jungen Mann vorgenommen. Zwischen einem Gewitter von Schlägen und Tritten hatte er ihn angebrüllt und ihm die Schuld an allem gegeben. Kleinlaut war der Mann zusammengebrochen. Als Jan bewusst wurde was er getan hatte war er erschrocken über sich selbst aus der Wohnung geflüchtet, hatte sich bei sich zu Hause verschanzt und war tagelang nicht erreichbar gewesen. Erst als Dirk zwei Wochen später wieder vor seiner Tür stand hatte er sie ihm geöffnet und kurz mit ihm gesprochen. Er hatte erfahren, dass Dirk in Urlaub wollte. Abstand von allem. Das hatte Jan Hoffnung gegeben und er hatte ihm versprochen, dass er ihn vom Bahnhof abholen würde, wenn er wieder zurück kam. Immer noch starrte er schweigend seinen Freund an.
Der lag nun mit geschlossenen Augen, noch immer den Kopf an das Gitter gelehnt, im Bett. Er fragte sich, ob Jan wirklich gehen würde. Es tat ihm leid, dass er ihn weggeschickt hatte besonders nach den letzten Wochen. Sie waren sich gerade wieder näher gekommen. Er wusste aber auch, dass Jan ihn einfach zu sehr liebte um ihn abzuweisen und er das schon lange zu seinem Vorteil ausspielen konnte. Er hörte wie die Stuhlbeine unsanft über den Linoleum Boden gezogen wurden. Jan verstand es einfach nicht. Dirk wusste, dass etwas gewaltig schief bei ihm lief. Er wusste es schon lange, aber hatte keine Kraft mehr und ohne die Kraft und den Willen konnte er es nicht schaffen alles von sich abzuschütteln; auch wenn Jan an seiner Seite war. So schnell würde er nicht gesund werden. Es war zu viel auf ihn eingestürzt in den letzten Monaten. Alles hatte er in den wenigen Augenblicken vor sich gehabt als er im Bahnhof in sich zusammen gesackt war und sein letzter Wunsch war gewesen, dass jetzt alles vorbei ist. Doch er war aufgewacht und sehnte sich sofort nach seiner schützenden Hülle. Dieser unsichtbare Schutz, den ihm die Drogen gaben. Der nahm ihm die Schmerzen, die Gedanken und all die schlechten Dinge mit denen er nicht umgehen konnte oder wollte. Er war fröhlich in seiner Blaße und es ging ihm dort gut. Die Zimmertür fiel laut ins Schloss. Jan war weg.

Kapitel 2

 


Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!